Sa. 11. Juli 2026 I 11:45 Uhr
Stiftsbasilika St. Martin (Martinsfriedhof 219, 84028 Landshut)

Der Funke im Spiegel
Programm zur Orgelmatinee am 11.07.
„Die Kunst ist kein Spiegel, der die Realität reflektiert, sondern ein Hammer, der sie gestaltet.“
— Frei nach Vladimir Majakowski
Liebe Konzertbesucher,
das heutige Programm vereint zwei musikalische Welten, die gegensätzlicher kaum sein könnten – und die doch im Kern von derselben menschlichen Erfahrung erzählen: dem Behaupten des eigenen Geistes gegen die äußere Welt.
Arvo Pärts „Spiegel im Spiegel“ (in einer eigenen Bearbeitung für Orgel Solo) führt uns in die absolute Reduktion. In einer Welt, die oft laut, fordernd und von außen reglementiert ist, schafft diese Musik einen unantastbaren Raum der Stille. Es ist ein Ort der inneren Einkehr, an dem der äußere Lärm und die alltäglichen Widerstände keinen Einlass finden. Der Ballst des Alltags perlt an dieser Klarheit ab; was bleibt, ist das Wesentliche.
Dem gegenüber steht Sergej Prokofjews Toccata op. 11. Sie ist der Gegenpol: pure, ungezähmte Energie, ein unaufhaltsamer Rhythmus und ein feuriger Vorwärtsdrang. Prokofjew schrieb dieses Werk 1912 als junger, unangepasster Rebell am Konservatorium – als radikale Auflehnung gegen den verstaubten, akademischen Geschmack seiner Professoren.
Betrachtet man dieses Werk im Kontext der späteren russischen und sowjetischen Geschichte, gewinnt es eine tiefere, fast tragische Dimension: Es nimmt jene unbändige Kraft voraus, mit der Künstler immer wieder versuchten, ihre schöpferische Freiheit gegen staatliche Doktrinen, Zensur und restriktive Einmischung zu verteidigen. Die Toccata lässt sich nicht einengen; sie fordert kompromisslos ihre eigene künstlerische Autonomie ein und bricht sich mit elementarer Gewalt Bahn. Sie zeigt, dass ein innerer Funke, wenn er erst einmal entfacht ist, durch keine äußere Beschränkung oder Reglementierung unterdrückt werden kann.
Vom stillen Rückzug in die eigene Mitte bis zum kraftvollen, selbstbestimmten Ausbruch: Erleben Sie eine musikalische Reise über die Unbeugsamkeit des kreativen Geistes.
Juli 2026, Ihre Stiftsorganistin Jeni Böhm



